IR.on AG in der Presse: Börse überprüft den Entry Standard (FTD)
von Mark Böschen (Frankfurt), Financial Times Deutschland
Die Deutsche Börse hat eine Überprüfung der Emissionsberater und Emittenten ihres Einstiegssegments Entry Standard angekündigt. Man halte täglich Kontakt zu den Emissionshäusern (Listing Partner) des Entry Standard, sagte Rainer Riess, Geschäftsführer der Frankfurter Wertpapierbörse, der FTD.
"Auf der Basis dieses Feedbacks werden wir rund zwölf Monate nach dem Start des Entry Standard eine detailliertere Review des Markts abhalten. Dabei geht es um seine Regeln und die Rolle der Sponsoren sowie der gelisteten Unternehmen."
Wer dauerhaft gegen Regeln verstoße, könne aus dem Segment verwiesen werden, sagte Riess.
Das gering regulierte Einstiegssegment war im Oktober 2005 geschaffen worden, um einer entsprechenden Plattform AIM der Londoner Börse Konkurrenz zu machen. Es wurde von den Unternehmen gut angenommen. Am Montag startet der Immobilienwert Primag als 50. Titel. Die Einstiegssegmente der Börsen Stuttgart und München verzeichnen dagegen kaum Zulauf. Im Entry Standard ist zum Beispiel ein Notiz ohne Prospekt möglich.
Geringere Transparenz bedeute höhere Risiken; diese Botschaft sei bei den Investoren angekommen, sagte Riess. "Erste Problemfälle werden kommen, darauf müssen wir vorbereitet sein. Dabei ist klar, dass Erfolg oder Misserfolg von Geschäftsmodellen grundsätzlich unabhängig sind von Transparenzstandards wie Entry Standard, General Standard und Prime Standard."
Aktive Informationspolitik verlangt
Die Unternehmen müssten aktiv informieren und handeln. "Wir empfehlen immer einen Prospekt, weil der Emittent dadurch potenzielle Risiken vermeidet und deutlich mehr Möglichkeiten hat, Aufmerksamkeit von Anlegern und Analysten zu erhalten", sagte Riess.
Er bezeichnete den Entry Standard als Erfolg. Ein durchschnittliches Unternehmen dort habe dreimal so hohe Handelsvolumina wie AIM-Werte.
Am Markt wird der Druck auf die Einhaltung der Regeln aufmerksam beobachtet. In den letzten Wochen habe die Börse mit den Listing Partnern gesprochen, hieß es in Finanzkreisen. Sie habe diese zur Einhaltung der Pflichten angehalten, die das Segment über die Anforderungen des kaum regulierten Freiverkehrs hinaus verlangt.
Unternehmen veröffentlichen Informationen zu spät
Das Insiderrecht und Vorschriften gegen Marktmanipulation seien auch für den Entry Standard gültig, sagt Mirko Sickinger, Partner bei der Wirtschaftskanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek: „Wer wichtige Nachrichten nicht ad hoc veröffentlicht, läuft Gefahr, sich strafbar zu machen." Eine Umfrage der Kanzlei und der Investor-Relations-Beratung IR.on nach den ersten 100 Tagen des Entry Standard zeigte, dass viele der 16 befragten Unternehmen wichtige Informationen innerhalb von 24 Stunden veröffentlichten. „Aber nach der gesetzlichen Ad-hoc-Pflicht wären auch 24 Stunden zu spät, dort sind regelmäßig nur zwei bis drei Stunden vertretbar" , sagte Sickinger. Über wichtige Entwicklungen müssten die Antragsteller die Investoren unverzüglich informieren, sagte auch Börsen-Geschäftsführer Riess.
Das im Entry Standard mögliche Listing ohne Wertpapierprospekt haber gerade in der Anfangszeit für große Unsicherheit gesorgt, sagte Fabian Kirchmann, Partner bei IR.on. „Keines der befragten Unternehmen konnte exakt sagen, welche Einschränkungen der Öffentlichkeitsarbeit ohne Prospekt nötig sind." Heute sei die allgemeine Auffassung, dass ein Gang in den Entry Standard nur mit Prospekt sinnvoll sei, sagte Sickinger.
Die Börse habe deutlich gemacht, dass sie die Einhaltung der Entry-Standard-Regeln überprüft, sagte Lutz Weiler, Vorstandschef des Emissionshauses Equinet: "Denkbar ist, dass sie künftig Verwarnungen ausspricht und Verfehlungen ahndet." Er äußerte sich ebenfalls positiv zu dem Segment: "Der Entry Standard hat einen Lücke geschlossen, die Nachfrage von Investoren ist gut."
Emissionsberater garantieren nicht für Geschäftsmodelle
Thomas Stewens, Vorstandsmitglied beim Emissionsberater Concord Effekte sagte, er gehe aber davon aus, dass die Prüfung des Markts von möglichen Einzelfällen abgesehen positiv ausfallen werde. "Die wenigen Regeln kann auch ein Unternehmen erfüllen, das ein zweifelhaftes Geschäftsmodell betreibt", sagte er. Das Segment sei aber trotz der starken Nachfrage von Emittenten und Investoren für Anleger immer noch riskant. "Man muss sich darauf einstellen, dass es Skandale geben kann. Das kann die Stimmung drücken."
Weder Börse noch Emissionsberater hätten die Aufgabe, die Qualität der Unternehmen im Entry Standard zu überprüfen, sagte Stewens: „Investoren sollten darauf achten, ob ein Prospekt sowie seriöses Research vorliegt und welcher Berater eine Aktie an den Markt bringt."
Aus der FTD vom 10.07.2006