Wie sieht für Nebenwerte die Zukunft an der Börse aus?
In den Jahren 2003 bis 2006 erlebten Nebenwerte in Deutschland einen Boom. Aktien aus der zweiten Reihe entwickelten sich regelmäßig besser als die Blue Chips.
In 2007 wendete sich das Blatt. Investoren bevorzugten Standardwerte mit größerer Marktkapitalisierung und einer höheren Liquidität der Aktie. Mit der Verschärfung der Finanzkrise im vergangenen Jahr verstärkte sich dieser Trend.
Abflüsse großer deutscher Nebenwerte-Fonds in 2008
Eine der Hauptursachen für den Verkaufsdruck bei Nebenwerten sind die hohen Mittelabflüsse und Wertverluste der Fonds im Zuge der Finanzkrise. Diese erstreckten sich zwar auf alle Asset-Klassen, bei Nebenwerte-Fonds nahmen sie jedoch zum Teil dramatische Ausmaße an. Einige Small Cap-Spezialisten haben zum Jahresende 2008 mehr als 80% ihres Fondsvolumens gegenüber dem Stand vor der Krise eingebüßt. Aber auch Schwergewichte wie der Allianz Dit-Nebenwerte oder der Cominvest Adiselekt (jeweils rund 50% Volumenrückgang) kamen stark unter Druck. Bei einigen Fonds wird der Fokus mittlerweile verstärkt auf Standardwerte gerichtet, andere haben den Vertrieb mangels Größe vollständig eingestellt.
| Fonds | Fondsvolumen 31.12.2008 in Mio. EUR | Fondsvolumen vor Ausbruch der Finanzkrise in Mio. EUR | Stichtag (vor der Finanzkrise) | Rückgang Fondsvolumen |
|---|---|---|---|---|
| Allianz-dit Nebenwerte Deutschland | 121,5 | 240,7 | 31.12.2006 | -49,50% |
| cominvest Adiselekt P | 112,7 | 235,8 | 31.12.2006 | -52,22% |
| Credit Suisse Equity Fund (Lux) Small&Mid Cap Germany B | 109,3 | 280,3 | 31.03.2007 | -60,99% |
| Deutsche Aktien Total Return | 77,7 | 184,1 | 31.03.2007 | -57,81% |
| UBS (D) Equity Fund-Mid Caps Germany | 46,8 | 147,2 | 30.09.2006 | -68,23% |
| UBS (D) Equity Fund-Small Caps Germany | 35,6 | 66,0 | 30.09.2006 | -46,13% |
| Kapitalfonds L.K. Deutscher Nebenwerte-Unterfonds | 16,6 | 25,1 | 31.12.2006 | -34,05% |
| UniDeutschland XS | 14,4 | 46,6 | 31.12.2006 | -69,19% |
| FPM Funds Stockpicker Germany Small/Mid Cap | 14,2 | 86,2 | 31.12.2006 | -83,56% |
| Value Holdings Capital Partners Fund | 10,9 | 19,1 | 31.12.2006 | -42,98% |
Doch welche Zukunft haben derartige Fonds noch in einem Land, in dem die Zahl der Aktienbesitzer seit dem Jahr 2001 - mit Ausnahme des Jahres 2005 - kontinuierlich zurückgeht? Im zweiten Halbjahr 2008 hat sich laut den Zahlen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) der Rückzug der Deutschen aus der Aktienanlage dramatisch beschleunigt mit dem Resultat, dass zum Jahresende gerade einmal 8,8 Millionen Anleger direkt oder indirekt über Fonds in Aktien investiert waren. Das sind 32% weniger als in 2001. Aktien sind out, und daran wird sich nach dem Vertrauensverlust durch die Finanzkrise hierzulande erst einmal nichts ändern. In Ländern wie den USA, in denen die Aktienkultur trotz der nicht minder dramatischen Einbrüche an den Aktienmärkten immer noch fest verankert ist, wird sich das Interesse an Aktien schneller wieder beleben.
Going Private keine Alternative
Welche Optionen bleiben kleinen und mittelgroßen Unternehmen, die den Schritt an die Börse einmal gemacht haben? Das Delisting ist wie schon nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes aktuell eine erwogene Option. Doch welche Konsequenzen birgt dieser Schritt? Auf den ersten Blick bietet er Kostenersparnisse, was für viele Vorstände derzeit verlockend sein dürfte. Für ein Unternehmen am stark regulierten Prime Standard liegen diese pro Jahr je nach Größe des Unternehmens und je nach Investor Relations Aktivität bei mindestens 300.000 Euro und bis zu 3 Mio. Euro bei einem DAX-Wert. Kosten, die sich nur tragen, wenn auch der wesentliche Vorteil der Börse, die vereinfachte Kapitalaufnahme, genutzt werden kann. Das aber gestaltet sich für viele Small Caps derzeit schwierig. Die Emissionsexperten großer Banken erwarten laut einem Bericht des Handelsblatts, dass Unternehmen momentan Abschläge von bis zu 30% gegenüber dem Börsenkurs akzeptieren müssen, um mit einer Kapitalerhöhung Erfolg zu haben.
Doch auch die Bedingungen für die Aufnahme von Fremdkapital haben sich im Zuge der Krise merklich verschlechtert. Vor diesem Hintergrund erscheint die Alternative eines Going Private für kleine börsennotierte Unternehmen wenig sinnvoll.
Mehr Eigeninitiative bei der Investorenansprache
Eine Möglichkeit, den Nutzen der Börse besser auszuschöpfen, ist die intensivere Beschäftigung mit den Zielgruppen. Viele Small Cap-Unternehmen verfügen nicht einmal über eine Investorendatenbank, in der relevante Fondsgesellschaften und Vermögensverwalter aufgeführt sind. Customer Relationship Management ist heutzutage Standard in den Marketingabteilungen. Für die wichtigste Zielgruppe des Produkts Aktie gilt diese Selbstverständlichkeit nicht. Allzu oft wird die Planung von Investoren-Roadshows den Banken überlassen, die jedoch nur dann aktiv werden, wenn sich mit dem Unternehmen entsprechende Fees generieren lassen. Das ist bei kleinen Werten unterhalb der Marke von 100 Mio. Euro Marktkapitalisierung aber selten der Fall. In einem White Paper des Investor Relations Verbandes DIRK kommen die Autoren zu dem Schluss, dass Fondsmanager mehr Eigeninitiative der Unternehmen bei der Investorenansprache fordern. Mit einem besseren Verständnis der Buy-Side können Fondsmanager und Vermögensverwalter gezielter angesprochen und die Abhängigkeit von Banken bei Kapitalmaßnahmen reduziert werden.
Durch den Rückgang der Anlagevolumina im Nebenwerte-Sektor wird der Wettbewerb um Investoren für kleine Gesellschaften noch härter. Pensionsfonds und Versicherungen, generell eher zurückhaltend bei Einzelwerten aus der zweiten Reihe, haben sich vollständig und möglicherweise für längere Zeit aus dem Kleinstwerte-Segment verabschiedet.
Trotz aller Nachteile bergen die aktuellen Veränderungen auf der Buy-Side aber auch Chancen. Das Universum der Nebenwerte-Investoren ist wesentlich überschaubarer, so dass Kontakte deutlich besser zu pflegen sind. Wer jetzt aktives Investor Targeting betreibt, hat die Möglichkeit, sich gegenüber seinen Konkurrenten am Kapitalmarkt zu differenzieren und im Wettbewerb um frische Mittel einen klaren Vorteil zu erzielen. Voraussetzung sind natürlich attraktive Kaufargumente, bei denen je nach Ausrichtung der Fonds eher Value-Argumente wie eine starke Marktposition, hohe Cash flows und eine attraktive Dividende oder überdurchschnittliches Wachstum im Vordergrund stehen.
Fazit
Nebenwerte haben es derzeit besonders schwer an der Börse mit der Folge, dass die Diskussionen über Sinn und Unsinn einer Börsennotierung für kleine Gesellschaften zunehmen. Ein Delisting stellt angesichts deutlich verschlechterter Kreditbedingungen der Banken keine attraktive Alternative dar. Auf der Suche nach Lösungen zur Verbesserung der Bedingungen der Kapitalaufnahme über die Börse empfiehlt sich mehr Eigeninitiative bei der Pflege der Investorenbeziehungen. Mit einem besseren Verständnis der Buy-Side können Fondsmanager und Vermögensverwalter gezielter angesprochen und die Abhängigkeit von Banken bei Kapitalmaßnahmen reduziert werden.
Eine Kurzversion des Artikels ist in der Zeitschrift Going Public (Heft 5/2009) im Special zur Entry und General Standard Konferenz erschienen.
Kontakt:
IR.on AG
Telefon: +49 (0)221 9140 970
Telefax +49 (0)221 9140-978
info@ir-on.com